Systematische Übersichtsarbeit | Klinische Evidenz und mechanistische Fortschritte der Vagusnervstimulation bei rheumatischen Erkrankungen
Schmerzen, Fatigue und wiederkehrende Entzündungen sind für viele Menschen mit rheumatischen Erkrankungen langfristige Belastungen. Die medikamentöse Behandlung hat sich deutlich verbessert, dennoch erreichen manche Patientinnen und Patienten weiterhin keine ausreichende Krankheitskontrolle. Forschende untersuchen deshalb zunehmend eine ergänzende Strategie, bei der das Nervensystem reguliert wird, um entzündungsbezogene Immunaktivität zu beeinflussen.
Im Jahr 2026 veröffentlichten Anna Wysokińska und Kolleginnen und Kollegen in Rheumatology International eine Übersichtsarbeit zu den Mechanismen und der klinischen Evidenz der Vagusnervstimulation (VNS) bei rheumatischen Erkrankungen. Die Autoren schlossen 15 originale Humanstudien zu rheumatoider Arthritis, systemischem Lupus erythematodes, Sjögren-Syndrom, Spondyloarthritis, Arthrose, Fibromyalgie und weiteren Erkrankungen ein.
VNS zeigte potenzielle Vorteile hinsichtlich Entzündung, Schmerzen, Fatigue und Krankheitsaktivität. Die Ergebnisse unterschieden sich jedoch je nach Erkrankung und Studie, und bislang gibt es keinen gemeinsamen Standard für Stimulationsmethoden, Behandlungsparameter oder Nachbeobachtungsdauer.

Hintergrund:Neuroimmunologische Signalwege
Eine Dysfunktion des autonomen Nervensystems (ANS) ist bei rheumatischen Erkrankungen häufig und zeigt sich oft als erhöhte sympathische Aktivität bei gleichzeitig verminderter parasympathischer Regulation über den Vagusnerv. Die Übersichtsarbeit weist darauf hin, dass dieses Ungleichgewicht chronische Entzündungen begleitet. Die aktuelle Evidenz kann jedoch nicht klären, ob die autonome Dysfunktion eine Folge der Erkrankung ist oder zu deren Entstehung und Persistenz beiträgt.
Etwa 80 % der Vagusfasern sind afferent und 20 % efferent. Nachdem afferente Signale den Hirnstamm erreicht haben, können Strukturen wie der Nucleus tractus solitarii die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse beeinflussen, die an der Regulation von Stressreaktionen und Cortisol beteiligt ist. Der efferente Signalweg steht mit dem cholinergen antiinflammatorischen Signalweg in Verbindung. Wenn Acetylcholin an α7-nikotinerge Acetylcholinrezeptoren auf Makrophagen bindet, kann dies die Produktion proinflammatorischer Zytokine wie Tumornekrosefaktor α hemmen. Die Regulation über die Milz umfasst zudem den Milznerv und Acetylcholin freisetzende T-Lymphozyten, wobei mehrere Komponenten entlang dieses Signalwegs zusammenwirken.
Die Herzfrequenzvariabilität (HRV) wird häufig zur Beurteilung der autonomen Regulation verwendet. Eine niedrigere HRV deutet im Allgemeinen auf einen geringeren vagalen Tonus oder eine stärkere sympathische Dominanz hin. HRV ist jedoch ein physiologischer Messwert und kann weder die Krankheitsaktivität noch die klinische Wirksamkeit ersetzen.
Methoden:Evidenzsuche und Klassifikation
Die Autoren durchsuchten PubMed/MEDLINE von Januar bis zum 22. August 2026 und führten zusätzlich eine Suche im Directory of Open Access Journals durch. Es gab keine Einschränkung hinsichtlich des Publikationsjahres. Die Suche identifizierte 143 Datensätze; nach Beschränkung auf englischsprachige Publikationen blieben 140 übrig. Nach Screening von Titeln, Abstracts und Volltexten wurden 15 originale klinische Studien eingeschlossen. Follow-up- oder Erweiterungsberichte derselben Patientenkohorte wurden nicht als separate Studien gezählt.
Eingeschlossen wurden randomisierte und nicht randomisierte klinische Studien, Sham-kontrollierte Studien, Pilotstudien, Proof-of-Concept-Studien, Machbarkeitsstudien und einarmige Studien. Ausgeschlossen wurden Tier- und In-vitro-Experimente, Reviews, Meta-Analysen, Studienprotokolle, Kommentare, Fallberichte sowie Studien, die weder rheumatische Erkrankungen noch VNS untersuchten.
Die Studien verwendeten keine einheitliche Stimulationsmethode. Bei implantierter VNS wird eine Elektrode am zervikalen Vagusnerv platziert. Bei transkutaner zervikaler Stimulation erfolgt die Stimulation durch die Haut am Hals. Die transkutane aurikuläre Vagusnervstimulation (taVNS) zielt auf aurikuläre Äste des Vagusnervs. Die Übersichtsarbeit schloss außerdem manuelle Ohrakupunktur ein. Ergebnisse mit unterschiedlichen Geräten, Stimulationsorten und Dosierungen sollten daher weder zusammengefasst noch als gleichwertig interpretiert werden.
Ergebnisse:Unterschiede bei den klinischen Ergebnissen
Die Übersichtsarbeit zeigte, dass sich die klinische Evidenz am stärksten auf rheumatoide Arthritis (RA) konzentrierte. In einer Studie mit implantierter VNS bei 17 Teilnehmenden wurde mit 10 Hz stimuliert; der 28-Gelenke-Disease-Activity-Score mit C-reaktivem Protein (DAS28-CRP) sank von 6,05 ± 0,18 zu Studienbeginn auf 4,16 ± 0,39 an Tag 42. Auch die Tumornekrosefaktor-Werte gingen von 2.900 ± 566 pg/mL auf 1.776 ± 342 pg/mL zurück. In einer weiteren Studie mit 30 Teilnehmenden unter taVNS erfüllten nach 12 Wochen 53 % das Kriterium des American College of Rheumatology für eine Verbesserung um 20 %. Die Anteile mit 50 % bzw. 70 % Verbesserung lagen bei 33 % und 17 %.
Die größte in der Übersichtsarbeit eingeschlossene Studie mit implantierter VNS umfasste 242 Teilnehmende. Nach 3 Monaten erfüllten 35,2 % der Stimulationsgruppe und 24,2 % der Kontrollgruppe das Kriterium des American College of Rheumatology für eine Verbesserung um 20 %. Die stratifiziert adjustierte Differenz zwischen den Gruppen betrug 11,8 Prozentpunkte, mit einem 95%-Konfidenzintervall von 0,6 bis 23,1 und P = 0,0209. Diese Ergebnisse stammen aus einer linksseitigen zervikalen Implantation mit 10-Hz-Stimulation. Sie belegen nicht, dass eine transkutane Stimulation am Ohr oder Hals denselben Effekt erzielen würde.

Die Ergebnisse zur aurikulären Stimulation zeigten kein einheitliches Bild. In einer RA-Studie mit 113 Teilnehmenden betrug die Veränderung des DAS28-CRP in Woche 12 −0,95 ± 0,16 in der Stimulationsgruppe und −0,66 ± 0,16 in der Sham-Gruppe. Die Veränderungen im Health Assessment Questionnaire Disability Index betrugen −0,19 ± 0,06 bzw. −0,02 ± 0,06. In der Tabelle der Übersichtsarbeit wurden für die Unterschiede zwischen den Gruppen weder Konfidenzintervalle noch P-Werte angegeben; die Größe der Veränderungen allein bestätigt daher keine Wirksamkeit.
Auch die Evidenz aus anderen Erkrankungen enthielt sowohl positive als auch negative Befunde. Eine Studie mit 18 Teilnehmenden mit systemischem Lupus erythematodes berichtete Verbesserungen bei Schmerzen, Fatigue und Gelenkmaßen. Studien zum Sjögren-Syndrom fanden niedrigere Fatigue- und Symptomwerte, jedoch keinen signifikanten Unterschied der HRV zwischen den Gruppen. Eine Studie zur erosiven Handarthrose umfasste 142 Teilnehmende. In Woche 12 betrug die adjustierte Differenz zwischen den Gruppen bei der Veränderung der Handschmerzen −10,0 mm, mit einem 95%-Konfidenzintervall von −23,0 bis 2,0 mm und P = 0,22, was auf keinen signifikanten Unterschied zwischen den Gruppen hinweist.
Mechanistische Interpretation:Veränderungen der Messwerte und ihre Grenzen
Die Ergebnisse zeigen, dass sich Symptome, Entzündungsmarker und autonome Messwerte nicht zwangsläufig parallel verändern. Einige Studien fanden weniger Schmerzen oder Fatigue ohne Veränderung der HRV. Andere registrierten eine Zunahme der HRV, während unklar blieb, ob sich klinische Symptome verbesserten und die Verbesserung anhielt. HRV kann Forschenden helfen, autonome Reaktionen zu verfolgen, kann derzeit jedoch nicht als Surrogatmaß für klinische Wirksamkeit dienen.
Die Autoren vermuten, dass eine niederfrequente Stimulation um etwa 10 Hz für antiinflammatorische Effekte günstiger sein könnte, während höhere Frequenzen von 20 bis 25 Hz afferente Signalwege stärker beeinflussen und mit Verbesserungen bei Schmerzen und Fatigue verbunden sein könnten. Diese Interpretation beruht auf Vergleichen zwischen separaten Studien, deren Teilnehmende, Erkrankungen, Stimulationsorte und Geräte ebenfalls unterschiedlich waren. Die Übersichtsarbeit identifizierte keine direkten Vergleiche zwischen Stimulationsparametern; daher lässt sich bislang keine einzelne optimale Frequenz festlegen.
Die meisten Studien in der Übersichtsarbeit hatten kleine Stichproben, kurze Stimulations- und Nachbeobachtungszeiträume sowie deutlich unterschiedliche Protokolle. Auch die untersuchten Endpunkte waren uneinheitlich. Neben Entzündungsmarkern, Schmerzen und Krankheitsaktivität wurden Alltagsfunktion, Begleitsymptome, Analgetikaverbrauch oder Inanspruchnahme medizinischer Leistungen nur selten systematisch untersucht. Auch potenzielle unerwünschte Ereignisse müssen vollständiger berichtet werden.
Zukünftige Forschung:Ein standardisierter Weg zur Validierung
Zukünftige Forschung könnte größere Stichproben sowie multizentrische, Sham-kontrollierte Studien in unterschiedlichen Regionen mit einheitlichen klinischen Endpunkten und längerer Nachbeobachtung einsetzen. Separate Vergleiche von Stimulationsfrequenz, Intensität, Ort und Behandlungsdauer sind erforderlich, um zu bestimmen, welche Parameter mit Veränderungen von Entzündung, Schmerzen oder Fatigue verbunden sind. Studien könnten zudem HRV, Entzündungsmarker, Alltagsfunktion, Medikamentengebrauch und unerwünschte Ereignisse parallel erfassen. So ließe sich prüfen, ob physiologische Veränderungen einen klinischen Nutzen vorhersagen und die Ergebnisse verschiedener Studien besser vergleichbar machen.
taVNS zu Hause und ZenoWell Luna Plus
Die hier ausgewerteten Studien verwendeten unterschiedliche Formen der Vagusnervstimulation, darunter implantierte zervikale VNS und transkutane aurikuläre Stimulation. Ihre Ergebnisse können daher nicht ohne Weiteres auf Verbrauchergeräte übertragen oder untereinander gleichgesetzt werden. ZenoWell Luna Plus ist ein nicht-invasives, ohrbasiertes taVNS-Wellnessgerät, das für Entspannungs- und Stressmanagement-Routinen entwickelt wurde. Es sollte nicht als Behandlung für rheumatoide Arthritis, Lupus, Arthrose oder andere rheumatische Erkrankungen interpretiert werden. Für Menschen, die sich für taVNS zu Hause interessieren, ist die aktuelle Evidenz eher als Begründung für weitere Forschung zu verstehen denn als Beleg für einen krankheitsspezifischen Nutzen.
Literatur
Wysokińska A, Jaszczyk B, Sadura-Sieklucka T. Vagus nerve stimulation in rheumatic diseases: linking autonomic nervous system regulation, inflammation, and clinical outcomes. Rheumatology International. 2026;46:260.