Setzt man eine Elektrode am Ohr an, erwarten die meisten Menschen, dass sie links platziert wird. Diese Gewohnheit hat historische Gründe, doch Geschichte lässt sich leicht mit Beweis verwechseln. Eine Scoping-Review aus dem Jahr 2024 ergab, dass von 84 klinischen Studien, die die Stimulationsseite angaben, etwa 62 % das linke Ohr, 11 % das rechte Ohr und 27 % beide Ohren verwendeten.
Warum ist die linke Seite so verbreitet? Ist das rechte Ohr riskant für das Herz? Und ist tatsächlich gezeigt worden, dass das linke Ohr besser wirkt? Die einfachste Erklärung ist eine vorsichtige Konvention. Nachdem ein frühes Protokoll als sicher und praktikabel erschien, behielten spätere Studien häufig dieselbe Seite bei, wodurch der Anreiz sank, Alternativen zu testen.
Im Jahr 2026 veröffentlichte Reviews weisen in dieselbe Richtung. Sie beschreiben die Stimulation am linken, rechten und an beiden Ohren als akzeptierte Ansätze, betrachten die größere Zahl linksseitiger Studien jedoch nicht als Wirksamkeitsrangliste. In Reviews zu Kognition und Schlaganfallrehabilitation dominieren weiterhin Protokolle am linken Ohr, während die optimale Seite und die Stimulationsparameter noch nicht geklärt sind.
Die Konvention für das linke Ohr begann am Hals
Die implantierte Vagusnervstimulation kam zuerst. Ihre Elektrode wird üblicherweise am linken zervikalen Vagusnerv platziert. Der Grund liegt in der Herzphysiologie. Der rechte Vagus beeinflusst den Sinusknoten, der den Herzrhythmus vorgibt, stärker, während die linke Seite einen stärkeren Einfluss auf die atrioventrikuläre Überleitung hat. Um direkte Auswirkungen auf die Herzfrequenz zu vermeiden, wurde die linke Seite zur konservativeren Wahl.
Diese Aufteilung ist nicht absolut. Klassische Tierstudien zeigten, dass starke Stimulation auf beiden Seiten die Herzfrequenz verlangsamen oder die Erregungsleitung verändern kann. Die linksseitige Stimulation war ein vorsichtiger Ausgangspunkt, keine Garantie dafür, dass die andere Seite niemals relevant sein könnte.
Als Forschende von der Stimulation am Hals zur Stimulation am Ohr übergingen, wurde die alte Konvention übernommen. Die Elektrode kontaktierte nun zwar andere Nervenfasern, doch das Protokoll war bereits vertraut.
Die Ohrstimulation verläuft über einen anderen Weg
Die zervikale Stimulation kann sowohl eingehende sensorische Fasern als auch ausgehende autonome Fasern des Vagusnervs beeinflussen. taVNS zielt hauptsächlich auf den aurikulären Ast des Vagusnervs ab, einen sensorischen Signalweg in Teilen des Außenohrs. Die Signale gelangen zum Hirnstamm und aktivieren anschließend größere Netzwerke, die den Körper beeinflussen können.
In einer bildgebenden Humanstudie aus dem Jahr 2015 stimulierten Frangos und Kollegen bei 12 gesunden Erwachsenen die linke Cymba conchae. Im Vergleich zu einer Kontrollstimulation am Ohrläppchen veränderte die Stimulation die Aktivität in Regionen, zu denen auch der Nucleus tractus solitarii gehörte, ein Hirnstammzentrum für viszerale Sensibilität und autonome Regulation.
Abbildung 1. Elektrodenplatzierung für taVNS an der Concha und im äußeren Gehörgang. Adaptiert nach Ng et al. (2024).
Die mit rechtsseitiger Halsstimulation verbundenen kardialen Bedenken lassen sich daher nicht direkt auf das rechte Ohr übertragen. Eine Stimulation am Ohr kann weiterhin kardiovaskuläre Messwerte beeinflussen, doch Ausmaß und Richtung der Reaktion hängen von Stimulationsort und Parametern ab.
Das rechte Ohr wird bereits klinisch untersucht
Das rechte Ohr wurde aus der klinischen Forschung nicht ausgeschlossen. In der TREAT-AF-Studie erhielten 53 Personen mit paroxysmalem Vorhofflimmern sechs Monate lang entweder täglich eine Stunde Stimulation des rechten Tragus oder eine Kontrollstimulation am Ohrläppchen. In der aktiven Gruppe war die Vorhofflimmerlast geringer, und es wurden keine gerätebedingten Nebenwirkungen beobachtet. Damit zeigte die Studie, dass die Stimulation am rechten Ohr in einer ausgewählten klinischen Population untersucht werden kann; sie belegte jedoch nicht, dass die rechtsseitige Stimulation sicherer oder wirksamer ist als die linksseitige.
Ein Sicherheitsreview aus dem Jahr 2022 kam zu einer ähnlichen praktischen Schlussfolgerung. Es umfasste 177 Studien mit 6.322 Teilnehmenden. Nur fünf Studien verwendeten eine rechtsseitige Stimulation, sodass die Evidenzbasis ungleich verteilt war. Die verfügbaren Daten zeigten jedoch nicht, dass taVNS am rechten Ohr mit einem besonderen langfristigen kardialen Risiko verbunden ist.
Die Stimulationsseite hängt davon ab, was verändert werden soll
„Wirksam“ kann eine Veränderung der Herzfrequenzvariabilität, eine Verschiebung der funktionellen Konnektivität im Gehirn oder eine Verbesserung eines Symptoms bedeuten. Eine Seite, die bei einem Messwert ein Signal erzeugt, muss für einen anderen Messwert nicht die beste Seite sein.
De Couck und Kollegen verglichen bei denselben Teilnehmenden jeweils zehn Minuten Stimulation am linken Ohr, am rechten Ohr und ohne Strom. Nur die Stimulation am rechten Ohr führte zu einem signifikanten Anstieg der SDNN, einem Maß der Herzfrequenzvariabilität. Am linken Ohr zeigte sich dieselbe signifikante Veränderung nicht. Dieser Befund zeigt, dass rechtsseitig ein positives kardiovaskuläres Signal auftreten kann, belegt jedoch keinen allgemeinen Vorteil des rechten Ohrs.
Ng und Kollegen lieferten in einer Hustenstudie aus dem Jahr 2024 einen anschaulicheren Vergleich. Unter derselben 80-Hz-Bedingung im Gehörgang sank die durchschnittliche natürliche Hustenschwelle links von 0,28 auf 0,19 mol/L, während sie rechts von 0,25 auf 0,28 mol/L anstieg. Die Richtungen waren also gegensätzlich. Die Studie war klein, und der formale Signifikanztest verglich zwei Bedingungen am linken Ohr; diese Werte sind daher ein Hinweis und keine Handlungsanweisung.
Abbildung 2. Veränderungen der natürlichen Hustenschwelle unter taVNS-Bedingungen am linken und rechten Ohr. Adaptiert nach Ng et al. (2024).
Neuser und Kollegen untersuchten die Anstrengungsbereitschaft für Nahrungs- und Geldbelohnungen. Die Stimulation am linken Ohr zeigte einen stärkeren nahrungsspezifischen Effekt, während am rechten Ohr nicht dieselbe Selektivität zu beobachten war. Der Gesamteffekt auf die Motivation begünstigte die linke Seite jedoch nicht. Der linksseitige Vorteil zeigte sich bei einem spezifischen belohnungsbezogenen Effekt, während der allgemeine Motivationseffekt keine Seite bevorzugte.
Monti und Kollegen untersuchten 50 gesunde Erwachsene während einer fMRT mit Stimulation am linken, rechten und an beiden Ohren. Die Stimulation links und rechts veränderte unterschiedliche funktionelle Verbindungen. Dieses Muster deutet auf teilweise unterschiedliche Effekte in Hirnnetzwerken hin, liefert jedoch keine einzelne „stärkere Seite“.
Abbildung 3. Veränderungen der hirnstammbezogenen funktionellen Konnektivität während taVNS am linken, rechten und an beiden Ohren. Adaptiert nach Monti et al. (2025).
Warum bleibt das linke Ohr also der Standard?
Weil es vertraut, umfassend untersucht und leicht mit früheren Studien vergleichbar ist. Die Wiederverwendung eines linksseitigen Protokolls reduziert eine Quelle der Variation zwischen Experimenten. Das ist eine sinnvolle praktische Entscheidung für die Forschung. Es ist jedoch kein Beleg dafür, dass das linke Ohr immer bessere Behandlungsergebnisse erzielt.
Abbildung 4. Evidenzgestuftes Arbeitsmodell der durch taVNS aktivierten Signalwege vom Ohr zum Gehirn. Adaptiert aus dem Review von 2026 zu Bewusstseinsstörungen.
Abbildung 5. In der taVNS-Forschung verwendete aurikuläre Stimulationsziele. Adaptiert nach Barbetti et al. (2025).
Derzeit ist taVNS am linken Ohr ein sinnvoller Standard, wenn ein Protokoll einen gut etablierten Ausgangspunkt benötigt. Wenn ein bestimmtes Symptom behandelt werden soll, sollte die Entscheidung auf direkten Vergleichen beruhen, bei denen dieselbe Ohrregion, dieselben Stimulationsparameter und dieselben Endpunkte verwendet werden. Die relevante Wahl hängt von der Seite, der Ohrregion, den Stimulationsparametern und dem zu behandelnden klinischen Problem ab.
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